Die große Gier nach Gosebier

11. November 2006 Goslarsche Zeitung

Gerstensaft, der ursprünglich aus Goslar stammt, hat in Leipzig spezielle Freunde gefunden - und er wird auch kräftig exportiert

Von Eike Zenner GOSLAR/LEIPZIG. Die Gose ist klein, heißt im Stadtgebiet von Goslar eigentlich Abzucht und hat einem Bier den Namen gegeben. Früher wurde das Wasser aus dem Flüsschen zur Bierherstellung verwendet.

Heute ist das Gosebier dank ungewöhnlicher Zutaten ein Exot, erfreut sich über die Grenzen Goslars hinaus wachsender Beliebtheit. Auch in Leipzig ist man auf den Geschmack gekommen.

Zart und mit ganz eigenem Charakter" - wenn Mike Griffin über Gose spricht, gerät er ins Schwärmen. Griffin bezeichnet sich selbst als "Bierpionier". Im Oktober 2005 reiste der Brite durch Deutschland - um, wie er sagt, "Gose zu jagen". Sein Fazit: Das Bier ist gut, aber schwer zu finden. Vier Gosebiere hat Griffin verkostet, zwei in Leipzig, zwei in Goslar. "Geschmeckt haben sie alle", sagt Griffin rückblickend, wenn auch recht verschieden - eines eher würzig und frisch, ein anderes weich und fast süß. Sein Resümee: "Dieses Bier ist ein gutes Beispiel, warum das deutsche Reinheitsgebot Blödsinn ist."

Nicht nur auf der britischen Insel finden sich Anhänger des obergärigen Weizenbieres, das zu den ältesten Sorten der Welt zählt. Thomas Schneider exportiert Gose von Leipzig aus in die halbe Welt. "Ich habe Abnehmer in Dänemark, in Russland und in den USA", sagt Schneider, der sein Bier vor kurzem sogar im New Yorker Hotel "Waldorf-Astoria" ausschenken durfte. In den "Bier-Sonderling" hat Schneider viel Geld investiert. Vor sechs Jahren öffnete seine Gosebrauerei im Leipziger Bayerischen Bahnhof. "Es hat sich absolut gelohnt", sagt Schneider rückblickend. Leipzig hätte "einen besonderen Zugang zu diesem Bier", ein Verständnis von Tradition, das Schneider wiederbeleben wollte und konnte.

In Leipzig ist auch ein Verein beheimatet, der sich der Geschichte und dem Genuss von Gose verschrieben hat - die "Gesellschaft der Gosefreunde". Vor knapp zwei Jahren haben sich die Freunde gegründet, rund 20 Mitglieder hat die deutschlandweite Gruppe derzeit. "Das geht nicht von heute auf morgen, wir wachsen allerdings kontinuierlich", sagt Geschäftsführer Peter Koall. Zwei Projekte haben sich die Gosefreunde auf ihre Fahnen geschrieben: Die Kontakte zwischen Goslar und Leipzig pflegen und die verschlungene Geschichte des Bierexoten erforschen. "Die Gose ist im Laufe der Jahrhunderte viel gewandert, mit Blick auf Mitteldeutschland liegt da noch einiges im Dunkeln", sagt Koall, "da wollen wir dranbleiben."

Im Vorstand der Gosefreunde sitzt auch Odin Paul. Er betreibt seit zwei Jahren das Brauhaus Goslar und hält die Bier-Tradition in der Kaiserstadt am Leben. 300 Hektoliter braut Paul pro Jahr und liefert seine Goslarer Gose an Gastwirte und Einzelkunden in der Region. "Ich möchte die Goslarer auf die lange Tradition aufmerksam machen", sagt Paul. Ein Stellenwert "wie das Kölsch in Köln, das wäre doch was", findet der Braumeister.

Wie die Bezeichnung Gose schon vermuten lässt, hat die Bierspezialität ihren Ursprung in Goslar. Die erste urkundliche Erwähnung in der Kaiserstadt stammt aus dem Jahr 1397, als die Stadt dem Bischof von Hildesheim als Dank für eine Schlichtung ein Fass Gose geschickt haben soll.

Das Bier traf fortan den Geschmack der Masse und wurde für die Stadt zu einem mittelalterlichen Exportschlager. Nach dem Dreißigjährigen Krieg verlagerte sich die Produktion nach Osten. Mitte des 18. Jahrhunderts erreichte das Bier schließlich Leipzig - und fand dort großen Zuspruch.

Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe soll es getrunken haben, auch die Studenten genossen Gose der Überlieferung nach in rauen Mengen. "Die Studiosen tranken zwei bis zwanzig Gosen", lautet ein Sprichwort, das man sich noch heute in Leipzig erzählt. "Um 1900 war Gose das meist getrunkene Bier in der Messestadt", sagt Gosefreund Koall. Aus dieser Zeit stammt auch folgender Spruch: "Was unter den Blumen die Rose, ist unter den Bieren die Gose."

Wie in Goslar - hier kam die Braukunst bereits um 1840 zum Erliegen - geriet die Tradition auch in Leipzig zunehmend in Vergessenheit. Eine erste Renaissance erfolgte kurz vor der Wende, und seit sechs Jahren sprudelt Gose - dank der Brauerei im Bayerischen Bahnhof - wieder kräftig. "Gose ist beliebt, und unsere thematischen Brauereiführungen laufen wirklich gut", sagt Koall nicht ohne Stolz.

Die Werbewirkung möchte auch die Goslar Marketing GmbH (GMG) nutzen. Unter dem Motto "Traditionelles und Alte Braukunst" können sich Interessierte schon seit längerer Zeit in einer Goslarer Stadtführung auf die Spur der Gose begeben. Inbegriffen ist überdies ein Bierseminar. Odin Paul erklärt darin, wie er das naturtrübe, bernsteinfarbene Bier zubereitet. "Eines unserer bestverkauften Gruppenangebote", sagt Angelika Weiß-Lucht von der GMG, und auch Paul ist zufrieden. Rund 700 Leute hätten bislang mitgemacht. Und zwar sowohl Einheimische, die ihre Stadt einmal unter einem anderen Blickwinkel erleben wollten, als auch Touristengruppen aus der Ferne.

Goslar als Bierstadt verkaufen zu wollen, wäre sicherlich sehr hoch gegriffen", sagt Weiß-Lucht, touristisch nutzbar sei das einheimische Traditionsprodukt aber in jedem Fall. Das sehen auch die Gosefreunde um Paul so und möchten in der Altstadt ein großes Fest um ihr Lieblingsbier feiern. "Die Idee ist gut", meint GMG-Geschäftsführer Michael Bitter. Er möchte den Faktor Gose zunächst in andere Festivitäten (beispielsweise in den Weltkulturerbetag) integrieren. "Das Thema Gose gilt es behutsam und gehaltvoll aufzubauen. Sicher kann das Ziel, einmal ein größeres Festival in Goslar zu veranstalten, angestrebt werden", sagt Bitter. Paul steht Gewehr bei Fuß. "Genügend Ideen sind vorhanden."

Vielleicht würde sich dann auch Mike Griffin wieder in den Zug nach Deutschland setzen. Denn der fand nicht nur das Bier ganz außergewöhnlich. "Stunningly amazing" sei Goslar, was frei übersetzt so viel heißt wie "unglaublich verblüffend". Und die drei Flaschen, die Griffin vor Jahresfrist nach England "importiert" hat, sind ohnehin "schon längst ausgetrunken".

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